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  29.04.2002

Transappenninica 2002

Cesena – Gubbio – Civita Castellana – Roma – Rieti – Ascoli Piceno – Spoleto – Rimini C. R. A. M. E. – Club Romagnolo Auto Moto d’Epoca

29. April bis 5. Mai

Hier folgt wieder ein begeisterter Bericht über eine ebensolche Rallye von unserem sehr aktiven Clubmitgliedern aus Linz. Die Vorbereitungen für Italien haben anscheinend gestresst, denn die Antwort auf unser Auto des Monats war falsch!! Helmut, wie kann DAS passieren? Aber Du bist immer noch Spitzenreiter!

Wenn man als jahrelang sehnsüchtig auf eine Teilnahme Wartender (wegen hartnäckiger Kollision mit einem genauso traditionsreichen und wichtigen Kongress) endlich drankommt, haben sich natürlich durch begeisterte Erzählungen genährten Erwartungen ins Unermessliche gesteigert und eine Enttäuschung scheint unausweichlich. Umso besser, wenn dann selbst die enthusiastischsten Lobeshymnen nicht nur bestätigt, sondern noch übertroffen werden. Selbst die von alt gedienten Transappenninikern geäußerten Befürchtungen, die Erhöhung der Teilnehmerzahl auf 60 ginge zu Lasten der legendären Qualitäten, sollten sich als unbegründet erweisen. Fabio Amadori, Gianluigi Trevisani und ihren vielen Helfern sei’s gedankt.

Die teilnehmenden Fahrzeuge waren alleine schon die Reise wert – Lagonda LG 45 Rapide, Vauxhall 30/98 Wensum, verschiedenste Rolls-Royces, einige Lancia Lambdas und ein Dilambda sowie eine Pininfarina-Astura mit elektrischer Verdeckbetätigung (1938!), Studebaker President, Cord 812 und andere hervorragende Amis sowie Engländer – besonders erwähnenswert Robin und Mairwen Colquhoun in einem 2-Liter-Lagonda Tourer aus 1932, den sie seit 47 Jahren besitzen und den sie die ganze Strecke aus ihrer walisischen Heimat her- und zum Zeitpunkt der Verfassung des Berichtes wieder auf eigener Achse heim fuhren. Ein sehr sportlicher Bean war auch da. Ja, und gleich zwei Alfa Romeo 6 C 2300 MM Superleggera Coupès, sowie ein sehr ähnlicher 6 C 2500, nebst einem großartig originalen 6 C 1750 GTC Zagato Cabrio. Der AVCA war durch Hübner/Hübner auf Bugatti 37A, Ellbogen/Ellbogen auf Bugatti 57 Ventoux, Schüpferling/Schüpferling auf Lancia Lambda, Brozler/Brozler auf Austro Daimler ADR, Jüstrich/Jüstrich auf Rolls Royce Phantom II , sowie dem Verfasser dieser Zeilen auf Triumph Gloria Southern Cross vertreten.

Neben den belle macchine ist bei der TA das Essen der Punkt, um den sich alles dreht – obwohl auch Landschaft und Bauwerke durchaus bemüht waren, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Der Clou ist, dass ein ebenso hervorragender wie organisatorisch genialer Koch namens Domenico für die Rallyewoche sein „Ristorante il Sottobosco“ an der Straße zwischen Novafeltria und Sansepolchro zusperrt und sich samt Gesinde und 2 LKWs mit Küche, Zelten, Tischen und Bänken auf die Strecke begibt, um uns jeden Mittag mit einem ausgesuchten Buffet zu traktieren: Pasta in 100 Varianten, kräftige Minestre, Bistecca Fiorentina, Porchetta, allerhand überbackenes Gemüse, und Trüffel, Trüffel, Trüffel.... Ohne Wein (inklusive Vin Santo, auch Limoncello und Grappa) geht es auch nicht, und es geht vor allem nicht ohne Musik: mal a capella, mal mit Drehorgelbegleitung strapaziert man zwischen den Besuchen an Domenicos Buffet das italienische Liedgut, vom Verdischen „Va pensiero“ bis zu „Oj Marie“ und „Malafemmina“. Ja, und dann muss es IMMER auch „Romagna mia“ sein, das passender Weise mit den Worten „Sento la nostalgia d’un passato“ beginnt („Ich fühle die Wehmut nach einer Vergangenheit“).

Auch am Abend muss man nicht hungern – aber die Hotelküchen können nicht mit Domenicos Delikatessen mithalten. Die dazu gebotene Musik ist zwar professioneller als die selbst gemachte, aber halt auch entschieden lauter, was die Unterhaltung wesentlich schwieriger als zu Mittag macht.

Soviel zu den Hauptzutaten. Nun wird umgerührt.

Bald nach dem Start überquerten wir den Rubikon, was allerdings weniger Folgen als zu Cäsars Zeiten hatte. Nur einige Zündkerzen verrußten im zähen Verkehr in und um Cesena: das allerdings in gewaltigem Ausmaß. Nach einer ersten Kostprobe von Domenicos Künsten - noch in seinem Restaurant – kurvten wir hinunter nach Sansepolchro und schließlich nach Gubbio. Der nächste Tag führte uns nach Assisi, wo wir den hl. Franziskus um Fürsprache auch für unsere Benzintiere baten; im prachtvollen, bis in den letzten Winkel mit großartigen Fresken (Giotto, Cimabue) ausgeschmückten Kirchenkomplex kann man allerdings nur elektrische Kerzen entzünden, was wohl Restaurierungsaufwand sparen soll. Dafür haben wir's draußen ordentlich rußen lassen...

Gewisse Befürchtungen hatten wir für den nächsten Tag: es ging nämlich mitten nach Rom hinein – ein Feiertag (1. Mai) zwar, aber was kümmert das einen römischen Meisterstauer? Selbige boten uns auf der Straße zum Lago Bracciano eine eindrucksvolle Probe ihres Könnens – zu unserer großen Erleichterung aber in Richtung stadtauswärts. Die in der Stadt verbliebenen Reste der Spezies wurden von unserer Polizeieskorte mit genialen Gesten, die eines Toscanini würdig gewesen wären, verscheucht. So gelangten wir ohne große Aufenthalte vorbei an der Engelsburg auf den Petersplatz, dann zum Kolosseum, um das Forum herum in die Innenstadt, vorbei an der „Spanischen Treppe“ hinüber zur Via Veneto und schließlich auf die Via Salaria, die uns nach Rieti brachte (Kerzen putzen am Stadtrand natürlich eingeschlossen). Auf dieser Strecke übersah ein Rolls-Royce-Fahrer, dass Christian Hübner seinen Bugatti vor einer Ampel angehalten hatte, was zu einer groben haifischmaulartigen Verformung des eleganten Spitzhecks und – nach einer gebührenden Schrecksekunde – schließlich zu einer nicht alltäglichen künstlerischen Interaktion zwischen Christian und den Autoren dieser Zeilen führte.

Am Donnerstag lernten wir die Reste des mittelitalienischen Winters auf dem Terminioli-Pass kennen, der über 1.800 m hoch ist. Mittag am Fuße des Gran Sasso in Amatrice, wo uns Pasta all’Amatriciana kredenzt wurde, und zwar in der archaischen Version vor und der raffinierten Version nach Erfindung des Paradeisers. Zweitere macht man so:

500 g Spaghetti, 125 g Speck von der Wamme (!!), 1 EL Olivenöl extra vergine, ein Schuss trockenen Weißweins, 400 g pomodori pelati aus der Dose, eine Kleinigkeit Pfefferoni, 100 g geriebener Pecorino, Salz.

Den in fingergliedgroße Stücke geschnittenen Speck in einer Eisenpfanne mit dem Pfefferoni anrösten, dann mit dem Wein ablöschen, herausnehmen, abtropfen und mäßig warm beiseite stellen. Die entkernten gewürfelten Tomaten in die Pfanne geben und mit dem darin verbliebenen Pfefferoni schmelzen lassen. Pfefferoni heraus, Speck wieder dazu und noch etwas ziehen lassen.

Die Nudeln in reichlich Salzwasser al dente kochen, abtropfen, mit dem Käse in eine Schüssel geben und einige Sekunden warten. Dann die Sauce darüber und gut durchmischen.

Nachmittags gab es auf dem Hauptplatz von Ascoli eine kleine Sonderprüfung, die in der zweimaligen Befahrung einer Meßstrecke in je 12 Sekunden OHNE Uhr bestand. Das Ehepaar Hübner, trotz Unfalles und seiner aufregenden künstlerischen Sublimierung so präzise tickend, wie es das Geschäft erfordert, holte sich diesen Bewerb und damit schließlich auch in Rimini den Siegerpokal.

Der Freitag war erneut ziemlich appenninisch, wobei wir mit den Sibillinischen Bergen eine völlig surreale Mondlandschaft kennen lernten, bevor uns die Wurstläden von Norcia wieder auf den wildschweinreichen Boden Mittelitaliens zurückholten. In Spoleto trafen wir auch noch auf die Mille Miglia, womit unser Italienaufenthalt sozusagen zwei Fliegen mit eine Klappe traf.

Der Vormittag des Samstags war leider verregnet (kein Wunder, mussten wir doch einen Ort namens Pissignano passieren): da lernte man das vorwiegend kühle, aber trockene und meist sonnige Wetter der vorherigen Tage besonders schätzen.

Im prachtvollen Grand Hotel von Rimini (bekannt aus dem Fellini-Film „Amarcord“) wurde diese an Teilnehmern und Kilometern bislang umfangreichste Transappenninica mit Feuerwerk und Geigenklängen würdig abgeschlossen. Der Freundschaftsschwüre gab es viele, und nach allem, was wir in der vergangenen Woche erlebt hatten, waren sie grundehrlich gemeint. Alleine schon, wie sehr sich alle bemühten, liegen gebliebene Autos wieder flott zu machen – so konnten wir unserem Triumph nach einem elektrischen Totalzusammenbruch mittels zweier auf komplizierten Umwegen beschafften 6V-Batterien neues Leben einhauchen, der Vauxhall 30/98 bekam ein eilends hergestelltes neues Starterlager und der Alfa 6 C 2500 konnte mit einem unterwegs angefertigten Kardanwellenteil ebenso die Rallye aus eigener Kraft vollenden.

Einzig mögliches Resümee für uns: HOFFENTLICH kollidieren nächstes Jahr nicht doch wieder Transappenninica und deutscher Nuklearmedizin-Kongress....! Denn diese Rallye ist suchterzeugend.

H & P Huber