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  04.11.2009

Wein & Traktoren - Italien!

Wein + Traktoren = eine schöne Woche in Italien

Irgendwann vor 5 Jahren haben wir uns aufgrund eines Bonus einer Lebensversicherung angewöhnt, im November eine Woche in Montegrotto zu verbringen, weniger in Bad und Fango als mit Ausflügen in die sehr attraktive Umgebung, von Verona bis Venedig und von Padua bis Bologna oder Maranello. Außerdem wurden wir, schon am ersten Abend damals bei Tisch im Hotel, mit der Tatsache konfrontiert, daß in den Euganischen Hügeln beachtliche Weine wachsen, deren erste sehr sympathische Bekanntschaft wir in Form einer Merlot-Cabernet sauvignon-Cuvèe namens Gemola (az. agr. Vignalta – www.vignalta.it) machten. Dazu gibt’s vom selben Produzenten noch zahlreiche andere einfachere, aber auch hochgestochene Weine – z. B. von der sehr guten Cuvèe aus jüngeren Me/Cs-Beständen „Rosso Riserva“ (um ca.10,- € pro Eintel für die Qualität SEHR preiswert, und durchaus gut & mit Gewinn alterungsfähig) bis zum sensationellen Cabernet (sauvignon & franc), der nur in seltenen exzellenten Jahren gemacht wird (bislang 1990, 1998, 2000 und 2007 – letzterer ist noch komplett auf Flasche) und der natürlich mit gut 60,- in einer anderen Preisklasse zu Hause ist. Einen sehr eigenständigen Süßwein „Alpiane“ aus einer lokalen Abart des Gelben Muskatellers gibt’s auch, und den seltenen Fall eines roten Süßweines („Il Nero“ – moscato di Parenzo).

Insgesamt gibt’s in der DOC Colli Euganei 9 Produzenten, und die veranstalten seit 1969 im Herbst eine gemeinsame Weinverkostung. Aufgrund des 40-Jährigen Jubiläums war die heurige Veranstaltung besonders aufwendig gestaltet und wartete mit allerhand Drumherum auf. Da Vignalta in der Fraktion Luvigliano (Gemeinde Torreglia, ca. 6 km bergwärts südwestlich von Abano und Montegrotto) in einem alten Landsitz der Bischöfe von Padua eine Verkaufsstelle unterhält, ergab sich die Lokalität von selbst. Neben der Kirche wurde ein Festzelt mit entsprechender Bewirtung aufgebaut, die Winzer stellten Verkostungshütten auf, und zum Finale der zweiwöchigen Veranstaltung gabs ein Treffen von Motorrädern und vor allem auch antiken Traktoren.

Nun kann ich, wenn ich einen alten Traktor sehe, ohne Blick aufs Markenschild vielleicht einen ursprünglichen Fordson von einem Steyr oder einem Lanz-Bulldog unterscheiden, aber das war’s dann schon auch wieder. Der Programmfolder versprach für den 15. 11. 2009 mit der „Mostra dei trattori d’epoca“ also exotische Bekanntschaften. Erwartungsgemäß gabs etliche FIATs zu sehen, einen größeren Fordson aus den 1960ern, einen kleinen Massey-Ferguson, auch ca. 40 Jahre alt. Diese waren z. T. im „dienstlichen Originalzustand“ angereist, teils bestens restauriert. Ein Lamborghini verkörperte die wahre Natur der bekannten Firma – Ferruccio L. leistete sich als erfolgreicher Traktorbauer einen Ferrari, stellte aber so viele Unzukömmlichkeiten an diesem fest, daß er lieber seinen eigenen Supersportwagen baute. Mitten drunter ein 18er-Steyr, etwas verblüffend; besonders auch, daß er die Vorderachse exzentrisch nach rechts versetzt hatte – wohl eine Notwendigkeit bei gewissen Anbaumethoden?

Aber dann kamen die vermuteten Spezialitäten zum Vorschein: erstens zeigte sich ein kleines elegantes Gerätchen, 2-Zylinder-Motor, rot wie ein Ferrari, dünne Räder, in erster Linie auffallend ein großer querer Kasten vor dem Fahrersitz, mit zahlreichen Ausführungsgängen nach unten: eine „Autoseminatrice“ namens Super Ariete von Busatto aus 1952, also eine selbstfahrende Sämaschine (P1010479, 1010481-6), gebaut in Cadoneghe (PD), ganz in der Nähe. Und dann: TYPISCH Lanz Bulldog, eine ganze Horde. Oder doch nicht? Nein! Die hatten zwar den charakteristischen Glühkopf oberhalb der Vorderachse und sonst ein paar Ähnlichkeiten mit dem Schwermetall aus Mannheim, aber nannten sich Landini.

Landini wurde als Land- und Weinbaumaschinenfabrik 1884 in Fabbrico (RE), also in der Emilia Romagna, von Giovanni Landini gegründet und baute u. a. auch Lokomobile. Der erste Stabilmotor mit Glühkopfbetrieb entstand 1910, also noch deutlich, bevor Lanz dieses Prinzip adoptierte. 1924 gabs den ersten Landini-Traktor mit solch einem Motor (siehe auch http://it.wikipedia.org/wiki/Landini), und mit den wohl auch vom faschistischen Staat geförderten Modellen „Superlandini“ (12 l Hubraum, Einzylinder-Zweitakt-Diesel – Sabathè-System) und dem baugleichen, aber mit 7.2 l doch deutlich kleineren „Velite“ (P1010477/8 und P 1010480) wurde die Firma der größte Traktorproduzent Italiens, vor dem riesigen Konzern FIAT. Weiters gabs zu sehen, teils mit der langwierigen Startprozedur zu erleben, und dann zu hören, die Nachkriegsmodelle L 25/35/45, welche zwischen 4.3 und 9.5 l Haubraum aufweisen – immer die ganze Wucht in einem Zylinder (und ersichtlicherweise die Unwucht in der ganzen Maschine) und die bescheiden, aber modern (20 PS aus 1.232 cm³, von Perkins) motorisierte „Landinetta“ (P1010472).

1959 ging Landini an Massey-Ferguson, wurde 1990 international und gehört seit 1994 zum ARGO-Konzern der Familie Morra, und 2000 wurde McCormick/Doncaster in Landini eingegliedert.

Meine Filmchen vom Start eines Landini L 35 und vom L 45 im Leerlauf stehen unter dem Autorennamen „aubtri“ auf www.youtube.com, wo man zu der Marke viele weitere Videos findet.

Helmut Huber

P.S. der AVCA dankt für den schönen Bericht – bitte weiter so!